Babys sind beziehungsunfähig?

Babys und Kleinkinder sind nachweislich kooperative, beziehungsorientierte Wesen. Die These, Babys und Kleinkinder seien Egoisten, Narzissten oder gar Tyrannen ist bis heute durch nichts belegt. Wir müssen völlig anders mit ihnen umgehen, als man uns sagt, damit sie gesund aufwachsen: Auf ihre Bedürfnisse empathisch und feinfühlig reagieren, bei ihnen bleiben, sie niemals lächerlich machen, respektvoll mit ihnen umgehen und sie immer, immer trösten, wenn sie uns brauchen.

Die These, Babys und Kleinkinder seien Egoisten, Narzissten oder gar Tyrannen ist bis heute durch nichts belegt. Das Gegenteil ist der Fall: Babys und Kleinkinder sind kooperative, beziehungsorientierte kleine Wesen.

Babys sind beziehungsunfähig? Im Gegenteil.

Du willst es genau wissen? Schauen wir genau hin:

Die These lautet so: „Kinder im Alter von 10-16 Monaten hängen wegen uns unfähigen Eltern im frühkindlichen Narzissmus fest, haben keinen Respekt, sind nicht leider nicht beziehungsfähig. Daher müssen wir Eltern endlich strenger durchgreifen und das Kind z.B. ignorieren, in sein Zimmer schicken und lernen, uns öfter von ihm zu trennen.

Dahinter stecken die Fragen:

(1) Gibt es frühkindlichen Narzissmus?

(2) Müssen Babys Respekt zeigen?

(3) Sind Babys beziehungsfähig?

(4) Erziehen wir Egoisten ohne Mitgefühl und müssen wir das mit Disziplin, Trennungen und Ignorieren „kurieren“?

((Disclaimer: Ein Insta-Post ist extrem kurz, um zu erklären, wie es zu diesen falschen Thesen kommt, daher konzentriere ich mich hier auf die wichtigsten Punkte. Mehr lest ihr dazu in meinem Buch „Der Elternkompass“))

Frühkindlichen Narzissmus gibt es nicht -– Siegmund Freud hatte zwar vor über 100 Jahren die These aufgestellt, dass alle Säuglinge einen „primären Narzissmus“ zeigten, da es ihnen nur ums Überleben und das Befriedigen ihrer Triebe gehe (wir würden heute sagen: ihrer Bedürfnisse) gehe. Allerdings  konnte er selbst diese These nie widerspruchsfrei darlegen und hat sie mehrfach neu verfasst und verworfen. Heute sagt die Forschung: Es gibt keinen Nachweis dafür. „Der »primäre Narzissmus« ist ein rein theoretisches Konstrukt. Mit empirischen Mitteln kann er nicht nachgewiesen werden, und in der modernen Psychologie findet dieser Terminus heute kaum noch Verwendung.“

Dazu kommt: „Narzissmus“ als Störung kann erst im Jugend- oder Erwachsenenalter diagnostiziert werden.

 

  1. Die These verbindet die Beziehungsfähigkeit darüber hinaus mit dem Wort »Respekt«.
    Respekt heißt Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung, Achtung einer anderen Person gegenüber. All diese Dinge können Kleinkinder tatsächlich noch nicht, denn sie brauchen dafür a) kulturelle Konstrukte von Ehre, Ehrerbietung und sozialen Verhaltensnormen, und b) das Vorbild der Eltern, um das zu lernen. Sie lernen Respekt nur dann, wenn sich Eltern ihnen gegenüber selbst respektvoll, also ohne jede Form von Herablassung und Demütigung, verhalten. Dazu gehört auch, z.B. ihre natürlichen Vorlieben, z.B. den Wunsch nach Süßigkeiten, nicht lächerlich zu machen. Wir nennen das bei artgerecht eine »JA-Grenze setzen«: „Ja, ich sehe, dass du Gummibärchen willst. Die sind auch echt lecker. Jetzt gibt es aber erstmal Mittagessen“.
     
  2. Sind Babys beziehungsfähig?
    Als soziale Beziehung (auch zwischenmenschliche Beziehung) bezeichnet man in der Soziologie eine Beziehung von Personen, bei denen ihr Denken, Handeln oder Fühlen gegenseitig aufeinander bezogen ist.  Es ist die Kompetenz, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und diese Beziehung zu erhalten. Die Grundlagen für die Beziehungsfähigkeit werden in der Regel in der frühen Kindheit gelegt, etwa im Kontakt mit  Eltern oder anderen nahen Bezugspersonen. Besonders im Alter von 10 bis 16 Monaten können Babys das sehr gut: Durch soziales Lächeln erstellen sie Kontakt, sie teilen und bieten Spiele an, sie spiegeln ihre Umgebung, zeigen Mitgefühl und durch Kontaktweinen erhalten sie den Kontakt.

     
  3. Aber – Kleinkinder lachen uns ins Gesicht, teilen nicht und weinen, wenn sie etwas nicht kriegen – müssen wir nicht strenger sein?

    Menschliche Babys geben Gegenstände und Essen sehr großzügig her, erst mit dem Laufalter etwa ändert sich das - aber nur kurz. Je näher sie ans Schulkindalter kommen, desto mehr teilen sie: Mit 24 Monaten teilen Kinder bereits häufiger. In einem Versuch gaben dreijährige Kinder ihrem erwachsenen Partner etwa ein Drittel der »Beute« ab und mit fünf Jahren fast die Hälfte (weswegen viele Kulturen Kinder unter drei Jahren nicht zum Teilen zwingen).  Wir Eltern haben einen großen Anteil daran, ob sie Teilen lernen. Sie lernen es nicht durch Strenge oder Disziplin, sondern durch Vorbild: In Kulturen, in denen Menschen einander unterstützen und die Gemeinschaft einen großen Wert hat, teilen Kinder besonders viel – sogar wenn sie dann selbst Nachteile haben. Sie lachen uns bei Regelversöt0ßen übrigens ins Gesicht, damit wir sie nicht beißen - wie Schimpansen, die die Zähne zeigen, damit das ranghöhere Tier sie bei einem Vergehen nicht angreift.

Was heißt das für unseren Alltag?

Je häufiger und konsequenter Babys in den ersten Lebensmonaten gespiegelt, getröstet, gestreichelt und umsorgt werden, desto mitfühlender sind diese als Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren. Daher dürfen wir ein Baby und Kleinkind niemals ignorieren oder gar unter Bindungsstress setzen (wegschicken, ins Zimmer sperren, auf der stillen Treppe sitzen lassen), wie es von den Vertretern der These empfohlen wird. Je liebevoller wir mit Kindern umgehen, desto mehr Empathie entwickeln sie auch mit anderen, zeigte eine Langzeitstudie über zwei Jahre – und Empathie ist die wichtigste Grundlage für Beziehungsfähigkeit.

Und jetzt der Bonus Track: Die Forschung vermutet, dass plötzliche Trennungen von der Mutter in den ersten zwei Lebensjahren, sehr strenge Eltern (Disziplin!), unempathische Eltern (hab dich nicht so!), zu hohe Forderungen an das Kind (sei still! Schlaf durch!), die es nicht erfüllen kann, hohe Leistungserwartung (Gib das her! Beruhige dich selbst!) und Ignorieren von Kindern zu einer späteren Persönlichkeitsstörung führen können:

Zu sekundärem Narzissmus. Genau das, was die Vertreter der Thesen den Kindern austreiben wollen, provozieren sie interessanterweise mit ihren Maßnahmen.

Fazit: Babys sind von Natur aus beziehungsfähig – und was sie noch nicht können, lernen sie von beziehungsfähigen, feinfühligen, liebevollen Eltern.

 

#beziehungistderneuemainstream #tyrannen #kindersindkeinetyrannen #beziehungstatterziehung #artgerechtprojekt #erziehenohneschimpfen

Quellen:

Vgl. C. Zahn-Waxler und M. Radke-Yarrow: »The origins of empathic concern«, Motivation and Emotion 14, 1990, S. 107–130; Sara R. Nichols et al.: »The role of social understanding and empathic disposition in young children’s responsiveness to distress in parents and peers«, Cognition, Brain, Behavior 13 (4), 2009, S. 449–478.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus#Primärer_und_sekundärer_Narzissmus


Stangl, W. (2021). Stichwort: 'Beziehungsfähigkeit – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/8073/beziehungsfahigkeit (2021-10-03)

 

R. Feldman: »Mother-infant synchrony and the development of moral orientation in childhood and adolescence: Direct and indirect mechanisms of developmental continuity«, American Journal of Orthopsychiatry 77, 2007, S. 582–597.

 

Qing Zhou, Nancy Eisenberg, Sandra H. Losoya et al.: »The relations of parental warmth and positive expressiveness to children’s empathy-related responding and social functioning: A longitudinal study«, Child Development 73 (3), 2002, S. 893–915.

 

Henriette Zeidler, Daniel Haun und Michael Tomasello: »Taking Turns or Not? Children’s Approach to Limited Resource Problems in Three Different Cultures«, Child Development 87 (3), 2016, S. 677–688.

 

Peter Blake und Katherine McAuliffe: »Eight-year-olds reject two forms of inequity«, Cognition 120, 2011, S. 215–224.

 

Michael Tomasello: Mensch werden, Suhrkamp Verlag 2020, S. 354ff.

 

Victoria Talwar, Cindy Arruda und Sarah Yachison: »The effects of punishment and appeals for honesty on children’s truth-telling behavior«, Journal of Experimental Child Psychology 130, 2015, S. 209–217.

 

Claus Lamm und Jasminka Majdandžić: »The role of shared neural activations, mirror neurons, and morality in empathy – A critical comment«, Neuroscience Research 90, 2015, S. 15–24.

 

Marco Iacoboni und Mirella Dapretto: »The mirror neuron system and the consequences of its dysfunction«, Nature Reviews Neuroscience 7, 2006, S. 942–951.